Das Projekt von Christian Rau startete im November 2024 und untersucht die Rolle des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft sowie im Kalten Krieg. Es beleuchtet die Politik und Praxis der Suche nach zahllosen Vermissten, über deren Schicksal in Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg Ungewissheit herrschte.
Der Suchdienst war damit auch in Selbstverständigungskämpfe der Bundesrepublik involviert. Das Projekt verschränkt drei Analyseebenen:
- Erstens beleuchtet es das Verhältnis des Suchdienstes zum Bundesinnen- und Bundesvertriebenenministerium, die eigene Suchdienstaufgaben auf das DRK übertrugen und damit tief in den unabhängigen Wohlfahrtsverband eingriffen. Zugleich konkurrierten beide Ministerien um den Suchdienst, dessen Handlungsfeld und -spielraum damit stets neu ausgehandelt wurde.
- Zweitens nimmt das Projekt die internationale Dimension der Vermisstensuche im Osten in den Blick. So war der DRK-Suchdienst zum einen in diplomatische Beziehungen im Kalten Krieg involviert, zum anderen unternahm er eigene Aktivitäten durch transnationale Rot-Kreuz-Gespräche.
Beide Ebenen waren eng miteinander verwoben. Sie ergänzten sich und mitunter konkurrierten sie. - Drittens fragt das Projekt, wie der DRK-Suchdienst in der Praxis mit sich wandelnden Identitäten und widerstrebenden Interessen in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft umging und wie sich Opfernarrative sowie Aufarbeitungsdebatten auf seine Arbeit auswirkten. Es beleuchtet das Verhältnis zu Vertriebenen- und Heimkehrerverbänden sowie den Medien.
Das Projekt konzentriert sich auf den Zeitraum der 1950er bis Mitte der 1960er Jahre, in der sich wesentliche Routinen des Suchens einspielten, und skizziert weitere Entwicklungstendenzen bis Ende der 1980er Jahre in Ausblicken. Es stützt sich auf umfangreiche Quellenbestände aus staatlichen und DRK-Archiven und soll bis Herbst 2025 abgeschlossen sein.
